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Rot und sonst gar nichts?“


Diese Bilder wurden von Stefan Schneider, einem Erwachsenen mit Autismus, gemalt. Mit zwei Jahren wurde bei ihm frühkindlicher Autismus diagnostiziert. Stefan spricht nicht, er macht sich mit Lauten und Zeichen bemerkbar. Er lebt seit fast 20 Jahren in einer betreuten Wohngemeinschaft für Autisten. Seine Eltern suchten nach Wegen, Stefan neue Ausdrucksmittel zu ermöglichen.


Seit 4 Jahren malt Stefan einmal in der Woche mit mir. In den ersten 2 Jahren malte Stefan nur:


Rot, Rot und nur Rot


Meine Angebote, andere Farben, andere Materialien zu verwenden, stießen auf heftige Abwehr. Ich startete Versuche, ihm eine Bedeutung dieses Rots zu entlocken mit aufgemalten Symbolen wie zum Beispiel Herz, Lippen, Ampel oder einem roten Apfel. Aber damit kam ich auch nicht weiter. So musste ich meine Unruhe aushalten, keine „Erfolge“ aufzeigen zu können. Bis ich für mich entschied:

Es ist, wie es ist: Er malt Rot und ich spitze.


Denn das war das Einzige, was er mir zugestand: Ich durfte den Buntstift anspitzen. Da er ein Bild immer nur mit einem Stift anmalen wollte und darauf bestand, die Stifte immer weiter anzuspitzen, habe ich es zu einer wahren Meisterleistung im Spitzen gebracht. Das kleinste Buntstiftchen war nur noch 0,5 cm lang!!!


Es entstanden viele Bilder in dieser Technik und Malweise. Nach einigen Wochen konnte ich ihn dann doch zum ersten Mal zu einer anderen Farbe motivieren, die Technik blieb jedoch die gleiche. Wieder viele Wochen später war Stefan bereit, andere Techniken, wie z.B. Malerei auf Leinwand auszuprobieren.

Und so ging seine Entwicklung langsam, aber stetig voran.


Er malte sein Kuscheltier, indem er es umrandete und anmalte.


Er verfremdete Fotos von sich.


Manchmal ließ er sich auf einen Gegenstand, den ich mitbrachte, ein und zeichnete ein Bild davon.


Nach ca. 1 ½ Jahren wurde in Stefans Wohngruppe eine Malgruppe gestartet, um auch den anderen Teilnehmern das Malen zu ermöglichen. So malte er nach einer halben Stunde alleine nun mit noch drei anderen Autisten zusammen. Dort ließ er sich auch zu den Techniken hinreißen, die die anderen verwendeten, wie z. B. Collagen.


Nach 2 Jahren Einzeltherapie und 8 Monaten Malen in der Gruppe verblüffte mich Stefan mit einem besonderen Bild:


Es stellt ihn selbst dar!


Danach folgten Bilder mit seinen Eltern und ihm selbst und seinen Eltern.


Auch ich, die Kunsttherapeutin, wurde porträtiert.


In dieser Zeit wünschte ich mir für ihn, dass er auch außerhalb meiner Begleitung malen könnte. Ich verwarf den Gedanken jedoch bald auch wieder, da seine Betreuer meinten, Stefan mache immer nur etwas auf Anregung.


Wenige Wochen danach erhielt ich Post von Stefans Mutter. Sie schickte mir eine Kopie des Bildes, das er ganz alleine zu Hause gemalt hatte. Wieder war für Stefan etwas möglich geworden, was bislang keiner gedacht hätte.


Viele weitere, kleine Entwicklungsschritte folgten und folgen auch immer noch. Bei seiner ersten öffentlichen Ausstellung in Hannover konnte Stefan mit für ihn fremden Besuchern über seine Kunst in Kontakt kommen. Erst als alle Besucher der Ausstellung sich verabschiedet hatten, wollte er die Räumlichkeiten verlassen.


Bei der großen Ausstellung „Ich sehe was, was Du nicht siehst!“ von Künstlern mit Autismus in der Dokumentahalle / Kassel im Frühjahr 2010 ist Stefan mit einem Bild vertreten. Für Stefan scheint die Ausstellung seiner Bilder in der Öffentlichkeit ein wichtiger Bestandteil seines künstlerischen Schaffens zu sein. Dies macht er in Gesprächen deutlich, indem er sich mit Gebärden und Zeichen äußert. Auch die Rückfahrt aus Kassel hat er bildnerisch umgesetzt.


In der kunsttherapeutischen Begleitung von Menschen mit Autismus sind Geduld und Ausdauer, Wissen über die Besonderheiten von Autisten und künstlerische Kreativität von großer Bedeutung. So sind viele kleine und manche große Erfolge möglich.

 

Josephin Lorenz/Kunsttherapeutin

 

Rot,Rot und nur Rot  Bild von Stefans Kuscheltier Stefans Puppe1 Stefans Puppe2 Stefans Puppe3 Collage mit Stefan Stefans Selbstbild Stefans Eltern Stefan mit Eltern beim FaschingStefan und Frau LorenzStefans Rückfahrt aus Kassel